Originalartikel
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Bernd ist der stärkste Mann im Raum. Neidische Blicke werfen Neulinge ihm zu,
wenn er doppelte Gewichte auflegt, seinen Gürtel umschnallt und die Hantelstange
in die Höhe wuchtet. Jeder im Fitnessstudio kennt ihn, weil Bernd immer da ist.
Morgens vor der Arbeit stählt er den Oberkörper, abends bis zur Sperrstunde die
Beine. Und am Wochenende das doppelte Programm. Schon seit fünf Jahren
bearbeitet Bernd seinen Körper, hat gut 20 Kilo an Muskelmasse zugelegt, wie er
stolz berichtet. "Mit Training alleine ist das nicht zu machen", erzählt Bernd
einem Anfänger hinter vorgehaltener Hand. "Nach zwei, drei Jahren bringt das gar
nichts mehr." Sein Tipp sind ein paar Kuren mit dem Aufbaugetränk, das der
Trainer im Kasten hat - sauteuer zwar, "aber da gehst du auf wie ein Hefeteig."
Freizeitsport Doping
"Keiner", sagt Dr. Kurt Moosburger, Internist und Sportmediziner aus Innsbruck,
"ist im Profi-Bodybuilding ungedopt." Um sich ihrem Idealbild zu nähern, bleibt
Männern wie Bernd nur eines: Dopen oder "kuren", wie das Spritzen, Schlucken,
Infundieren von Hormonen verharmlosend genannt wird. "Wettkampf-Bodybuilding ist
eigentlich eine Freakshow", sagt Moosburger. "Dort werden Körper zur Schau
gestellt, wie es sie natürlicherweise einfach nicht geben kann." Jedenfalls
nicht ohne anabole Steroide, Prohormone, Peptidhormone und Analoga.
Bereits 1999 brachte eine Studie der Universität Lübeck ans Licht, was hinter
den Türen von Fitnessstudios passiert: Fast jedem Fünften ist das Hantelstemmen
demnach nicht effektiv genug und sie helfen kräftig mit Chemie nach. Dr. Carsten
Boos hatte bundesweit 454 Männer und Frauen in 58 kommerziellen Fitnessstudios
befragt. 19 Prozent der Freizeitsportler gaben an, regelmäßig Anabolika
einzunehmen. Diese Zahlen dementierte der Deutsche Bodybuilding- und
Fitness-Verband (DBFV) im letzten Monat erneut. Moosburger ist sich trotzdem
sicher, dass das Doping endgültig den Breitensport erreicht hat. Und dort treibt
der Hormonmissbrauch - weil unkontrolliert - ein noch schlimmeres Unwesen als im
strenger überwachten Profi-Bereich. "In den 'Kuren' werden mehrere Anabolika in
manchmal irrwitzig hoher Dosierung kombiniert", weiß Moosburger aus seiner
Praxis. Während hoch bezahlte Spitzensportler ebenso gut bezahlte Doping- (und
Vertuschungs-) Experten an der Hand haben und medizinisch überwacht werden,
müssen sich die Männer in Fitnessstudios auf dubiose Rezepturen verlassen.
Weibliche Männer, männliche Frauen
Bodybuilder verwenden vor allem anabole Steroide - meist Abkömmlinge von
Testosteron, dem männlichen Sexualhormon. Sie fördern und beschleunigen den
Aufbau von Muskelmasse und die muskuläre Regeneration nach dem Training.
Außerdem stimulieren die Hormone die Produktion roter Blutkörperchen, was den
Sauerstofftransport im Blut verbessert. Dafür zahlen die Athleten jedoch einen
hohen Preis.
Die Sexualhormone führen schon nach relativ kurzer Zeit zu einer irreversiblen
Vermännlichung bei Frauen: Bartwuchs, tiefe Stimme, Riesenwuchs der Klitoris,
Zunahme der Körperbehaarung, grobe Gesichtszüge. Bei Männer passiert genau das
Gegenteil: Sie werden auf Grund der teilweisen Umwandlung von Testosteron in
weibliche Östrogene femininer. Auch über Impotenz wird in diesen Zirkeln
diskutiert. Die Überdosis an Hormonen hinterlässt ihre Spuren in der Psyche: In
den USA gründeten sich mehrere Selbsthilfegruppen von Frauen, deren Männer wegen
Doping aggressiv oder depressiv wurden.
Kollaps der Sportlerherzen
Moosburger hält die fatale Veränderung der Blutfette jedoch für die
schwerwiegendste Nebenwirkung. Der Spiegel von HDL, dem guten Cholesterin, sinke
dramatisch. Ohne dessen Schutzwirkung beschleunigt sich die Entwicklung der
Arteriosklerose um ein Vielfaches - es drohen Herzinfarkt und Schlaganfall. Der
plötzliche Herztod des Bodybuilders auf Grund einer Herzmuskelerkrankung (Kardiomyopathie)
ist keine Seltenheit. Nach Jahren der Überdosierung schützt sich der Körper
selbst, indem er Rezeptoren für Sexualhormone im Gewebe reduziert. Würde das
Mittel jetzt abrupt weggelassen, käme es zu Entzugserscheinungen.
Die lange Nase der Lüge
Relativ neu auf dem Doping-Markt ist das Wachstumshormon Human-Growth-Hormon (HGH).
Als körpereigener Stoff ist es in Dopingkontrollen bislang nicht nachweisbar -
und erfreut sich deswegen größter Beliebtheit. HGH fördert nicht nur das
Muskelwachstum, sondern hilft auch Fett abzubauen. Damit ist es ideal für
Männer, die den "definierten" Körperbau aus Männermagazinen anstreben. Mit bis
zu 1000 Euro pro Ration ist der Preis allerdings horrend und auch die Gesundheit
leidet. Manche entwickeln Diabetes, den sie mit Insulin in Schach halten, im
Körper schlummernde Krebszellen "erwachen" und greifen um sich. Der Betrug steht
den Konsumenten sowieso ins Gesicht geschrieben: Nase, Kinn und Ohren wachsen
mit den Muskeln mit; Akromegalie heißt das medizinische Krankheitsbild. "Wenn
erwachsene Athleten plötzlich eine Zahnspange brauchen, muss man nur eins und
eins zusammenzählen", so Moosburger.
Die Psyche braucht Hilfe
Gynäkomastie, das Anschwellen der männlichen zur weiblichen Brust, sei meist der
erste Grund, warum die Männer Hilfe suchten, berichtet Moosburger. Mit dem
Ratschlag des Arztes, die Medikamente sofort zu stoppen und das Training auf ein
normales Maß herabzufahren, sind aber die wenigsten einverstanden. Lieber wäre
es ihnen, sie bekämen Medikamente gegen die Nebenwirkungen oder - besser noch -
eine andere "Kur". "Freizeitsportler, die ungeachtet der Gefahren Hormone
einnehmen, leiden nicht nur unter den Nebenwirkungen, sondern haben vor allem
ein psychisches Problem", vermutet der Experte. Gelingt es, den Männern diese
Einschätzung nahe zu bringen, kommt Prof. Barbara Mangweth von der
Universitätsklinik für Psychiatrie in Innsbruck ins Spiel. Die auf Essstörungen
spezialisierte Psychologin beschäftigt sich schon seit langem mit dem männlichen
Pendant zur Magersucht bei Frauen: der Muskeldysmorphie oder Muskelzwang.
Falsches Körperbild im Kopf
Auch Bernd leidet unter dieser krankhaften Störung des eigenen Körperbildes im
Kopf. Im Fitness-Studio bewundern alle seinen mächtigen Köperbau, während er im
Spiegel nur ein schmächtiges Männchen sieht. Am Wochende, sagt Bernd zu sich
selbst, wird er sein Trainingspensum höher fahren. Oder vielleicht noch eine
Kur? Bernds ganzes Leben dreht sich um seinen Körper. Den Job hat er gewechselt
wegen des Vormittagstrainings. Die Freundin hat ihn gewechselt, weil er nie da
war. Jetzt hat er eine, die wie er auf Muskeln steht.
Vor dem Urlaub fragt Bernd nach den Trainingsmöglichkeiten vor Ort, und
entsprechen sie nicht seinen Vorstellungen bleibt er lieber zu Hause. Das
schlechte Gewissen macht ihn fix und fertig, wenn er mal nicht trainieren kann.
Ob er will oder nicht: Er muss ins Studio, auch wenn die Medikamente gegen die
Schmerzen in seinen Knien und im Rücken schon nicht mehr helfen und er sich
deswegen kaum noch rühren kann. Im letzten Jahr war Bernd sogar im Krankenhaus -
seine vergrößerte Brustdrüse wurde entfernt.
Leiden hinter Muskelbergen
"Es ist ein Zwang für diese Männer, immer weiter an ihren Muskeln zu arbeiten",
weiß Mangweth, "und sie leiden fürchterlich darunter." Nur schwer können die
Betroffenen über ihr Problem sprechen, weil sie auch seelisch stark sein wollen.
Die Partnerin, die ja gerade den super-männlichen Typ gewählt hat, ist meist
keine große Hilfe dabei, wenn es darum geht, ihn zum Reden zu bringen. "Das
Leiden verbirgt sich hinter Muskelbergen", so sieht es Mangweth.
Bis die Muskelsüchtigen bei ihr in Behandlung sind, haben sie meist einen langen
Leidensweg hinter sich. Noch nie sei ein Patient von sich aus mit der Erkenntnis
gekommen, er habe ein psychisches Problem, weil er sich für zu schwächlich
halte. Der erste, und vielleicht schwierigste Schritt ist es anzuerkennen, dass
der Körper fertig und müde ist, dass Beruf, Familie und das ganze soziale Leben
unter der Muskelsucht leiden und es so nicht weitergehen kann. "Nur wenn diese
Krankheitseinsicht gegeben ist, ist die Chance für einen Ausstieg da", sagt
Mangweth. Die Therapie soll helfen, einen anderen Zugang zum Körper zu finden,
um ein vernünftiges Bild von diesem aufbauen zu können.
Suchtfaktor Männermagazin
Für Moosburger ist Muskeldysmorphie neben einem übersteigerten Narzissmus DIE
Grundlage des Bodybuilding. Gerade dadurch unterscheide sich dieses vom normalen
Krafttraining. "Mit einer legitimen, gesunden Eitelkeit hat das nichts mehr zu
tun", meint der Sportmediziner. "100 Prozent der - nomen est omen - Bodybuilder
sind an einer Zwangsstörung erkrankt." Unter den Besuchern eines Fitnessstudios
wird der Anteil der Muskelsüchtigen auf bis zu zehn Prozent geschätzt - genaue
Zahlen kennt man allerdings nicht.
Dass falsche Vorstellungen vom eigenen Körper ein Massenphänomen sind, konnte
Mangweth in einer Studie nachweisen. Die Ergebnisse veröffentlichte sie im
Fachblatt "American Journal of Psychiatry". Österreichische, französische und
US-amerikanische Männer, meist Anfang 20, sollten auf Bildern ihren Idealkörper
wählen. Um durchschnittlich 13 Kilogramm lag die Wunsch-Muskelmasse über der
eigenen. Gefragt, welchen Körper wohl Frauen am attraktivsten fänden, deuteten
sie auf Männer mit 14 Kilogramm mehr Muskeln als sie selbst besaßen. Medien,
Mode und Medikamente schaffen eine immer größere Kluft zwischen dem Ist und dem
Ideal. Dies gibt Muskelsucht und Doping Aufschwung. "Aber längst nicht jeder
Mann, der ein Fitnessstudio besucht und Männermagazine liest, ist gefährdet",
beruhigt Mangweth.
Zu viel des Guten
Doch wann wird aus der gesunden und lobenswerten Absicht, etwas für seinen
Körper zu tun, ein krankhaftes Geschehen? Man müsse sich fragen, ob das ganze
noch Spaß mache oder schon zur Qual geworden sei, so Mangweth. Das sei die beste
Orientierung. In eine Studie befragte Mangweth auch die Frauen, welchen Bizeps
sie sich bei ihrem Partner wünschten. Ergebnis: Er ist nicht größer als der
eines Normalo-Mannes. Und auch von Kraft und Stärke kann kaum die Rede sein.
Moosburger sagt: "Über die Kraftleistung eines Bodybuilders kann ein
Gewichtheber oder Kraftdreikämpfer nur schmunzeln."